Einladung zum antimilitaristischen Ratschlag

*Die Gebirgsjäger, das Nachleben der Vergangenheit in der Gegenwart und
der Militarismus heute*

Einladung zu einem antifaschistischen und antimilitaristischen Ratschlag
Samstag, den 20. März 2010, Gewerkschaftshaus München, Schwanthalerstr. 64
10.00 bis -17.30 Uhr

und zur Wiederaufstellungsfeier für das zu Pfingsten 2009 aufgestellte,
von der Gemeinde Mittenwald demontierte und nun wieder errichtete
Denkmal, das an die Opfer der NS-Verbrechen der Gebirgstruppe erinnert
Sonntag, den 21. März, 15.00 Uhr, Grund- und Hauptschule Mittenwald

In Mittenwald in Oberbayern finden seit 1952 alljährlich Gedenkfeiern
für die in den zwei Weltkriegen gefallenen Gebirgsjäger statt. Seit 2002
organisierte der Arbeitskreis „Angreifbare Traditionspflege“ dagegen
Proteste.
Auf das Konto der SoldatInnen-Truppe, die heute – so Ex-Kriegsminister
Struck – „unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt“, gehen zahlreiche
Kriegsverbrechen und etliche Massaker während der Naziherrschaft in Europa.
Am Beginn unserer Intervention waren wir mit der Tatsache konfrontiert,
dass keiner der Mörder in Uniform für diese Massaker verurteilt worden
war, sondern sie stattdessen als Helden gefeiert wurden. Von der
Gemeinde Mittenwald wurde diese Traditionspflege offensiv verteidigt.
Mit Zeitzeugenveranstaltungen, Demonstrationen, (versuchten) Blockaden
und einer ganzen Reihe von anderen Aktionen konnte diese
Heldenverehrung, die vor Ort als normal etabliert war, skandalisiert
werden. Zusätzlich skandalös war dabei die Tatsache, dass vom AK
„Angreifbare Traditionspflege“ nach Mittenwald eingeladene Überlebende
des Nationalsozialismus von der Gemeinde nicht einmal empfangen wurden. Dem
AK „Angreifbare Traditionspflege“ ist es gelungen, die Gemeinde Mittenwald
dazu zu zwingen, sich mit der bis dahin offensiv verdrängten und
geleugneten Schuld der Gebirgstruppe auseinanderzusetzen.
Eine stetig wachsende Öffentlichkeit in Mittenwald musste zur Kenntnis
nehmen, welche Kriegsverbrechen Gebirgsjäger zu verantworten hatten und
aktuell begehen. Der politische Druck der Kampagne trug entscheidend
dazu bei, dass sich das Mitglied des Kameradenkreises der Gebirgstruppe,
Josef Scheungraber, 2009 in München vor Gericht verantworten musste und
wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
Seine Einheit hatte im August 1944 als „Vergeltung“ gegen
Partisanenangriffe 15 Zivilisten in Falzano di Cortona ermordet. In
Italien war er deshalb bereits 2006 verurteilt, aber nicht ausgeliefert
worden. Mit dem Münchener Gerichtsurteil wurde erstmals offiziell
anerkannt, dass es sich in Falzano um ein Kriegsverbrechen gehandelt hat.
Dieses Urteil hatte auch in der Marktgemeinde Mittenwald Konsequenzen.
Pfingsten 2009 hatte der AK „Angreifbare Traditionspflege“ vor dem
Mittenwalder Bahnhof ein antifaschistisches Denkmal aufgestellt, das im
Schwerpunkt aus Steinen besteht, die von der Gemeinde Cortona zur
Verfügung gestellt wurden.
Enthüllt wurde das Denkmal von Max Tzwangue, ehemaliger
Widerstandskämpfer der FTP-MOI, und Maurice Cling,Auschwitzüberlebender,
der nach einem Todesmarsch aus Dachau in Mittenwald befreit wurde.
Hatte die Gemeinde Mittenwald damals schleunigst das Denkmal entfernt,
so dringend suchte sie nach dem Urteilsspruch gegen Scheungraber und
Protesten eine Lösung: Und siehe da: Direkt vor dem Eingang der Grund-
und Hauptschule in Mittenwald findet sich nun ein würdiger Ort zur
Wiederaufstellung des Denkmales.
Die dazu gehörige, von der Gemeinde Mittenwald iniziierte,
Einweihungsfeier wird am Sonntag, den 21. März 2010 stattfinden.
Eingeladen sind erneut die beiden Zeitzeugen Max Tzwangue und Maurice Cling.
Mit der Denkmalaufstellung 2009 wurde von einem Teil des AK „Angreifbare
Traditionspflege“ die Kampagne in Mittenwald beendet. Auch wenn sich in
Mittenwald selbst einiges bewegt haben mag, für den Umgang mit
Entschädigungsforderungen und der militaristischen Traditionspflege gilt
das sicherlich nicht.
Allein seit Pfingsten 2009 sind neue Verfahren gegen deutsche
Kriegsverbrecher in Italien aufgerollt worden. Die Täter bleiben in der
BRD unbehelligt. Ehemalige italienische Militärinternierte streiten
immer noch
um Entschädigung für Haft und Zwangsarbeit, und das
Entschädigungsverfahren der Überlebenden und Angehörigen des Massakers
im griechischen Distomo hat im Verfahren vor dem Internationalen
Gerichtshof eine neue politische Dimension
erreicht.
Die militaristische Traditionspflege und die Frage der Entschädigung der
Opfer von Kriegsverbrechen und deren Angehöriger ist nicht nur
geschichtspolitisch von Belang. Auch wenn sich Vergleiche mit der
NS-Massenvernichtung verbieten, so ist zur Kenntnis zu nehmen, dass die
Bundesregierung Entschädigungsansprüche der Opfer von
NS-Kriegsverbrechen nicht zuletzt mit Blick auf die aktuellen
Kriegseinsätze der Bundeswehr ablehnt. Denn auch den Opfern des
verbrecherischen Angriffs auf den Tanklastzug von Kundus mit mindestens
120 Toten will die Bundesregierung keine Klagemöglichkeit gewähren. Der
aktuelle Skandal um die Sauf- und Kotzrituale der Bundeswehrgebirgsjäger
in Mittenwald zeigt, wie tief verankert die militaristische
Traditionspflege in der Truppe bis heute ist. In Afghanistan soll diese
Elitetruppe der Bundeswehr mit dem ideologischen Rüstzeug der Wehrmacht
im Marschgepäck nun angeblich für Freiheit und Menschenrechte kämpfen.

Deshalb wollen wir das Wochenende der Wiederaufstellung des Denkmals in
Mittenwald nutzen, um die Kampagne „Angreifbare Traditionspflege“
auszuwerten und gemeinsam aktuelle Fragen der antifaschistischen und
antimilitaristischen Bewegung zu diskutieren.

*Die Gebirgsjäger, das Nachleben der Vergangenheit in der Gegenwart und
der Militarismus heute*

Programm
Antifaschistischer und antimilitaristischer Ratschlag
Samstag, 20. März 2010, 10.00 bis 17.30 Uhr

10 Uhr
Grußworte: Maurice Clinq (Fédération nationale des déportés et
internés résistants et patriotes), Max Tzwangue, (ehemaliger Militanter
der FTP-MOI der Resistance), VertreterIn der Verdi Jugend Bayern

10.30 Uhr
Die Mörderische Tradition der Gebirgstruppe ist angreifbar. 8 Jahre
Kampagne gegen das Soldatentreffen in Mittenwald – was haben wir erreicht?
Markus Mohr, AK Angreifbare Traditionspflege
anschließend Diskussion

12.00 Uhr
Politische Bedeutung der aktuellen Strafverfahren gegen
NS-Kriegsverbrecher und der Entschädigungsklagen gegen die BRD
mit Wolfgang Heiermann, Köln, und Martin Klingner, Hamburg
anschließend Diskussion

13.30 Uhr Mittagspause

14.30 Uhr
Die Legitimation der aktuellen Kriege und die Traditionspflege der
Bundeswehr mit Rote Aktion Kornstraße, Hannover und Frank Brendle, Berlin
anschließend Diskussion

15.45 Pause

16.00 Uhr
Abschlussdiskussion
Militarisierung der Gesellschaft und Ansätze antimilitaristischer
Intervention mit Aktivist/-innen von Bundeswehr Wegtreten, Rote
Aktion Kornstraße und Bündnis gegen die SiKo

Moderation: NN

Ende 17:30 Uhr

Veranstalter Ratschlag: AK Angreifbare Traditionspflege
Aktiv Mitwirkende: Verdi Jugend Bayern, Bundeswehr Wegtreten,
Libertad Süd, Interventionistische Linke (IL) FreundInnenkreis München,
Rote Aktion Kornstraße, AK Distomo, DFG-VK Berlin Brandenburg
Kurt-Eisner-Verein – Rosa Luxemburg Stiftung Bayern

Veranstalter Wiederaufstellung des Denkmals: Marktgemeinde Mittenwald